Bericht zur ICM Conference 2015

Am 17. und 18. Februar 2015 trafen sich etwas über 100 Lehrende, Wissenschaftler und interessierte Akteure zur vierten deutschsprachigen Inverted Classroom Konferenz, um sich über ihre Erfahrungen, Erkenntnisse, Ideen und die Herausforderungen bei der praktischen Umsetzung des Inverted Classroom bzw. Flipped Classroom Concepts auszutauschen und zu berichten.

Das Thema der diesjährigen Konferenz lautete ‚Inverted Classroom and Beyond – Lehren und Lernen im 21. Jahrhundert‘. Dieses Thema wurde in verschiedenen Vorträgen und Workshops aufgegriffen. Den Einführungsvortrag der Konferenz ‚Lehr- und Lerntechnologien – Anspruch und Realität‘ hielt Dr. Michael Kirch von der LMU München und wies darin u.a. auf den Digital Divide (dem Auseinanderdriften von Lernwelten) und der Notwendigkeit von Strukturen in der Schule für den Einsatz neuer Lehr-/Lerntechnologie im Unterricht.  In seinem anschließenden Workshop zu exakt diesem Aspekt verdeutlichte er sehr eindrücklich, dass sich das Klassenzimmer in den letzten 200 Jahren nicht wesentlich verändert hat, und wir auch heute noch eine ähnliche Ausstattung finden. Im weiteren Verlauf fand ich insbesondere die Vorstellung seiner umgesetzten Ideen zur Raumgestaltung in sogenannten UNI-Klassen an der LMU besonders interessant und inspirierend. Neben abnehmbaren und versetzbaren Tafeln, die zudem aus unterschiedlichen Materialien bestehen (und eine Tafelarbeit 2.0 ermöglichen), stellte er auch eine innovative Tischanordnung im Klassenraum vor. Dabei steht im Zentrum des Raumes ein hufeisenförmiger Tisch mit Sitzmöglichkeiten auf beiden Seiten (siehe Bild), an dem so gemeinschaftlich gearbeitet werden kann. Zudem stehen entlang der Raumwände Einzeltische, die von den Schülerinnen und Schülern als „Mein Büro“ bezeichnet und individuell genutzt werden können.

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Abb: Screenshot der Präsentation von Dr. Michael Kirch

Neben der Raumgestaltung wurde natürlich auch die mediale Ausstattung der Räume diskutiert und dabei fünf Modelle der Geräteausstattung näher betrachtet. Diese sind: OCD – one class device; POCE – part of class equipment; PUOSE – private use of school equipment; BYAD – Bring your adviced device; und BYOD – Bring your own device.

Anschließend stellte Herr Kirch eine Auswahl an Apps und Funktionen vor, die er in seiner täglichen Arbeit einsetzt. Hier einige Highlights:

  • Die Babyphone – Funktion zur Aufsicht während Gruppenarbeiten, bei denen sich die Schülerinnen und Schüler auf unterschiedliche Räume verteilen.
  • Einen Gong – die moderne Form des beliebten „Schweigefuchs“
  • Die Scanner-Funktion, um Papierarbeiten präsentieren zu können
  • Die App Baiboard (gemeinsames Arbeiten an einer Tafel) und die App Popplet (gemeinsames Arbeiten an einem Mind Map
  • Sowie die Apps Quizlet, Explain Everything, Show Me und AudioBoom zur Produktion kleiner Quizze

 

Am nächsten Konferenztag folgten die Vorträge von Prof. Dr. Johann Haag (FH St. Pölten, Österreich), Prof. Dr. Claudia de Witt (FernUniversität in Hagen) und Dr. Malte Persike (Joh. Gutenberg Uni Mainz). Prof. Dr. Haag stellte in seinem Vortrag ‚Die Hochschule als Treiber der Digitalisierung der Lehre‘ eindrucksvoll dar, was in Bewegung gesetzt werden kann, wenn alle Instanzen einer Hochschule an einem Strang ziehen. Nähere Informationen zur Strategie FHSTP 2017 können Sie hier nachlesen: http://www.fhstp.ac.at/ueberuns/organisationerhalter/strategie-2017 . An dieser Stelle soll jedoch noch auf die herausgearbeiteten Erfolgsfaktoren verwiesen werden, denn obwohl diese geradezu einleuchtend und selbstverständlich erscheinen, kann man nicht oft genug auf sie verweisen: strategische Verankerung, Recherche zu bestehenden Projekten, Bildungs- und Unterstützungsangebote für Lehrende, Informationsarbeit intern und extern, Evaluation & Forschung. Den gesamten Vortrag können Sie sich hier ansehen: http://youtu.be/rb46c5p06OA

Prof. Dr. Claudia de Witt ging in ihrem Vortrag „Mobiles Lernen – Didaktische Szenarien und technologische Möglichkeiten“ u.a. auf die verschiedenen Arten von Apps (native Apps, Web-Apps und Hybrid-Apps) ein und stellte im weiteren Verlauf vier Szenarien mobilen Lernens vor: 1. Lernen unabhängig von Zeit und Ort; 2. situiert und authentisch an konkreten Lernorten (hier ist die Zeit nicht von Bedeutung); 3. Einsatz in der Präsenzlehre (z.B. Classroom-Response-Systeme) und 4. Distance Learning / virtuelle Präsenz (hier ist die Zeit von Bedeutung). Den Bogen zum Inverted Classroom spannte sie zum Schluss ihres Vortrages als sie das Mobile Lernen und den Inverted Classroom als zukunftsträchtiges Paar benannte – was sicherlich auch in Zukunft von Bedeutung sein wird. Den gesamten Vortrag können Sie sich hier ansehen: http://youtu.be/BQG5TVKGihM

Der Vortragsreigen wurde von Dr. Malte Persike mit seinem fesselnd vorgetragenen Beitrag ‚Umgekehrt wird ein Schuh draus: Inverted Classroom – Unter der Lupe‘ geschlossen. Er stellte dabei einige spannende Ergebnisse einer Studie zu Live-Lectures an der Universität Mainz vor. Diese zeigte u.a.:

  • dass die Abrufzahlen vor der Klausur deutlich nach oben gehen, der Datenzugriff jedoch gleichzeitig sank –> die Studierenden suchen bei der Klausurvorbereitung gezielt nach Videosequenzen und sehen sich tendenziell nicht noch einmal das ganze Video an.
  • das zur Verfügung stellen der Videos führte bei Studierenden zur „Illusion der Verfügbarkeit“ –> die Studiereden schoben das Ansehen einzelner Videos immer weiter in die Zukunft und verloren so den Anschluss.
  • dass die Bedeutung der Quizze nicht unterschätzt werden darf, denn sie erzeugen eine gewisse Verbindlichkeit bei den Studierenden.
  • dass etwa 80% mehr Zeitlast durch das videobasierte Lernen für die Studierenden entstand –> aber: jetzt wird die angedachte Selbstsudienzeit auch endlich genutzt.
  • dass die Studierenden, die eine hohe Workload über das Semester angegeben hatten, eine niedrigere Workload kurz vor der Klausur verzeichneten.

Den gesamten Vortrag mit weiteren Ergebnissen können Sie sich hier ansehen: http://youtu.be/Wy99mbVOmdI

Am Nachmittag besuchte ich zunächst den Workshop „Bildungsfernsehen reloaded: Produktion von Videos für die Hochschullehre“ von Dr. Sebastian Vogt, der verdeutlichte wie viele Gestaltungs- und Einsatzmöglichkeiten eines Videos in der Lehre denkbar bzw. vorhanden sind und wie wichtig die Umgestaltung einer medial vermittelten Vorlesung ist. Der erste Schritt ist das Loslassen des Lehrpultes und das Öffnen der Augen für Konzepte von Bildungsformaten, die es bereits seit Jahren im Fernsehen gibt – „Die Sendung mit der Maus“ , „Quarks und Co.“ oder „Pauk mit!“ seien hier stellvertretend für ein reichhaltiges Angebot genannt.

Im Anschluss und gleichzeitig zum Abschluss meiner beiden Tage in Marburg besuchte ich den Workshop „Die Selbstlernphase im ICM“ von Athanasios Vassiliou, indem wir uns mit unterschiedlichen Methoden mit den Herausforderungen und möglichen Lösungen der Selbstlernphase mit digitalen Medien auseinandersetzen. Näheres zu diesem Workshop sowie die Auswertung finden Sie (in Kürze) hier: http://blogs.fu-berlin.de/fortbildung/ .

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