Internationale Flipped Classroom Konferenz in Island

Mitte April fand im isländischen Atlantic Center of Excellence in Keilir eine internationale Flipped Classroom Konferenz statt. Diese war Teil des FLIP – Flipped Learning in Praxis – Projekt, das vom Erasmus+ Programm der Europäischen Kommission gefördert wird. Zu der Konferenz reisten über 300 Lehrer und Lehrerinnen aus dem ganzen Land sowie europäische Partner des Projektes an. Hauptredner der Konferenz waren Jonathan Bergmann und Aaron Sams, Vorreiter der Flipped Classroom Bewegung. Ihre mitreißende Keynote, die anschließenden Workshops von „flippenden“ Lehrer und Lehrerinnen des Atlantic Center sowie einen Workshop mit Bergmann und Sams am darauf folgenden Vormittag konnten Livia Manthey und Julia Müter live miterleben.

Der Zauber des Flipped Classroom passiert im Klassenzimmer

Ihre Keynote begannen Bergmann und Sams mit der Schlüsselfrage, was der Mehrwert der Präsenzzeit ist, wenn man aufgrund der Videos auch zu Hause bleiben könnte. Was passiert im Klassenzimmer, das die Videos nicht ersetzen können? Der Zauber des Flipped Classroom passiert im Klassenzimmer und so sollte man sich zu Beginn der Flipped Classroom Planung fragen, wie eine Neudefinierung der Unterrichtszeit und der daraus entstehenden Möglichkeiten aussehen kann.
Die Methode wurde nicht entwickelt, da Vorträge generell schlecht sind, denn sie können durchaus ein gutes Mittel für die Vermittlung neuer Inhalte sein, sondern um mehr Freiräume während der Unterrichtszeit zu gewinnen bzw. diese mit aktiveren Lernphasen (wie z.B. projektbasiertem Lernen) besser nutzen zu können. Die Vorträge werden stattdessen mit Videos (sowie anderem digitalen Lernmaterial) umgesetzt und damit aus der Unterrichtszeit ausgelagert.
Die Technik hat sich jedoch nicht nur im Bereich der Videoproduktion weiter entwickelt. Durch neue Technologien ist es heute möglich in kürzester Zeit Faktenwissen (z.B. über Google) abzufragen. Dies bedeutet für das Assessment, dass in der Zukunft Fragen gestellt werden sollten, die nicht von Google beantwortet werden können. Die Zeit im Unterricht muss mehr bieten, als das reine Faktenwissen, sondern muss zu tieferer Auseinandersetzung mit dem Wissen führen.
Durch das Flipped Classroom Konzept werden die ersten zwei Stufen (Erinnern, Verstehen) zu Hause geleistet, die weiteren vier Stufen (Anwenden, Analyse, Synthese, Evaluation) im Unterricht. Allerdings sehen Bergmann und Sams eine realistischere Umsetzung des Flipped Classrooms im Unterricht:

DSC_0271

Die Schüler im Flipped Classroom

Es ist nach Bergmann und Sams von großer Bedeutung die Schüler und Schülerinnen auf die Arbeit mit diesem Modell vorzubereiten und ihnen zum Beispiel zu zeigen, wie sie die Videos anschauen sollen. So könnte zum Beispiel in Vorbereitung auf den Flipped Classroom das Ansehen der Videos in der Unterrichtszeit geplant werden, damit beobachtbar ist wie die Schüler beim Ansehen der Videos vorgehen und was sie sich notieren. Gerade zu Beginn sollte eine gute Balance zwischen zu wenig und zu viel Autonomie für den Lerner geachtet werden, da zu viele Freiräume die meisten Schüler und Schülerinnen eher überfordern. Anweisungen und Aufgabenstellungen zur Arbeit mit dem Video sind daher essenziell.
Zudem bemerken die Schüler meist recht schnell, dass sie viel mehr selbst arbeiten müssen, was nicht allen von Anfang an gefallen wird. Gerade die Schüler, die sich vorher sehr gut mit dem System Schule arrangieren konnten, werden vermutlich rebellieren. Seien Sie darauf vorbereitet und bleiben Sie trotzdem dran!
Ein großes Gegenargument gegen dieses Konzept ist, dass es den „digital divide“ fördern würde. Hier argumentieren Bergmann und Sams jedoch, dass es heutzutage zahlreiche technische Möglichkeiten gibt und man schlichtweg kreativ werden muss. Zu Beginn ihres Flipped Classrooms hatten z.B. 25 % der Schüler keinen eigenen Internetzugang. Sie kopierten ihre Videos / „Lerneinheiten“ daraufhin auf USB-Sticks, brannten DVDs oder spielten sie auf iPods auf.

Videos im Flipped Classroom

Videos können als digitaler Input für offene Fragen genutzt werden. Gleichzeitig sollten Videos jedoch auch Raum für neue Fragen schaffen und Hilfestellung bei der Lösung von Problemstellung geben. Bergmann und Sams halten den Einsatz von Fremdvideos gerade am Anfang für sinnvoll aber haben die Erfahrung gemacht, dass die Schüler und Schülerinnen lieber mit den selbst produzierten Videos arbeiten. Das steigert die Motivation und erhöht das Vertrauen, der Lerneffekt bleibt aber gleich.
Ein klassischer Fehler bei der Produktion eigener Videos ist jedoch, dass man die Videos zu Beginn meist zu lang produziert: Als Orientierung sollten die Videos max. 1-1,5 Minuten * Klassenstufe betragen.
Es ist jedoch ganz wichtig im Hinterkopf zu behalten, dass das Flipped Classroom Konzept keine technologische sondern eine pädagogische Antwort ist. Für die Nutzung wird ein Stück Technologie genutzt aber es geht nicht um die Technologie an sich. Sie sollte daher auch nicht im Zentrum der Überlegungen stehen.

 

In den kommenden Tagen werden wir einen weiteren Beitrag zu den Workshops in Island posten.

2 Responses to “Internationale Flipped Classroom Konferenz in Island”

  1. Bernd Hammerschmidt Antworten 28. Mai 2015 at 12:11

    Eine gute Zusammenfassung. Vielen Dank. Da ich selbst schon eine Konferenz mit Bergmann in Island miterlebt habe, wäre ich gespannt auf eine Bewertung dieser Konferenz.

Trackbacks/Pingbacks

  1. Unterrichten im Flipped Classroom - Erfahrungsbericht - Connected Kids - Connected Kids - 30. Oktober 2016

    […] der Länge eines Videos habe ich mich in dieser ersten Großproduktion an die Faustregel „Videolänge = Klassenstufe * 1-1,5 Minuten“ gehalten und versucht mich am „schwachen“ Schüler zu orientieren, was eine sehr […]

Leave a Reply