2. Teil des Islandberichts

Workshops zu Flipped Classroom mit Alltagsbezug

Im Anschluss an die Keynote wurden zahlreiche Workshops der Lehrenden des Keilir Atlantic Centers durchgeführt. Diese „flippen“ zum Großteil bereits seit zwei Jahren. Neben zahlreichen Workshops zur Anwendung von Flipped Classroom in den einzelnen Fächern, wurde auch ein Workshop für Schuleiter/innen und sonstige Administratoren angeboten. Am Atlantic Center wird nur noch nach der Flipped Classroom Methode unterrichtet. Dies war größtenteils eine gemeinschaftliche Entscheidung, auf die eine Vorgabe durch die Schulleitung folgte. Natürlich gab es aber auch Lehrer/innen sowie auch Schüler und Schüler/innen, die nicht unbedingt mitziehen wollten. Dies ist ein Umstand der immer und überall auftreten kann. Man sollte daher auf Kritik und Widerstand gefasst sein und sich mit Argumenten, die für die Methode sprechen, darauf vorbereiten -„You have to be clear in your mind and heart about this method to overcome criticism.“. Sobald die Schüler für das Konzept gewonnen haben, können sie diese als Unterstützung für die Überzeugungsarbeit bei den Kollegen „nutzen“. Der Workshopleiter und Direktor von Keilir Hjálmar Árnason empfahl zudem die Bildung eines Flipped Council (Projektgruppe), um die Vorreiter von Seiten der Schulleitung zu stärken. Diese „ziehen dann zunächst den Wagen“ und motivieren im besten Fall die restlichen Kollegen.
Neben dieser schulpolitischen Ausrichtung ist es jedoch auch nötig einige administrative Änderungen im Schulalltag vorzunehmen. Hierzu zählen zum Beispiel das Arbeiten mit Doppelstunden, das Tandem-Teaching sowie die Veränderung der Raumstruktur, so dass nicht nur Frontalsettings umsetzbar sind. Zudem ist es wichtig, dass die Lehrer/innen die Möglichkeit erhalten an Workshops (z.B. zur Videoproduktion) teilzunehmen.
Auch in einem Workshop für Flipped Classroom Neueinsteiger wurde darauf hingewiesen, dass sich die Lehrerden auf eine vollkommen neue Arbeitsbelastung einstellen müssen und dass der Arbeitsaufwand insbesondere zu Beginn deutlich höher ist. Bei der Produktion der ersten Videos sollte man im Hinterkopf behalten, dass es nicht darum geht den Oscar zu gewinnen – vielmehr sollte der Fokus auf die inhaltliche Ausgestaltung gelegt werden. Deutlich mehr Zeit sollte hingegen für die Überlegungen zur Umgestaltung der Präsenzzeit bzw. der Nutzung der gewonnen Unterrichtszeit eingeplant werden. Diese kann zum Beispiel für den vermehrten Einsatz reflektierender Aufgaben genutzt werden.
Um die Schülerinnen und Schüler zu „überzeugen“ sollte man sie möglichst detailliert auf die Umstellung vorbereiten. Oft kommen sie aus eher passiven Lernsetting und müssen sich auf einmal aktiv in den Unterricht einbringen. Hier hilft es nur den Schülern Zeit und das nötige „Lerntechniken“-Handwerkszeug an die Hand zu geben. Ähnlich argumentierten auch Bergmann und Sams bei ihrem Workshop am nächsten Tag. Bevor hier näher darauf eingegangen wird, soll jedoch ihr nachhaltiger Einstieg in den Workshop kurz vorgestellt werden.

 

Mit einem Origamiblatt den Faden verlieren

Zu Beginn ihres Workshops teilten Bergmann und Sams jedem Teilnehmer ein Origamiblatt aus und stellten uns vor die Herausforderung einen hüpfenden Frosch mit Hilfe eines Erklärvideos auf YouTube zu falten. Teilnehmer/innen mit einem orangenen Blatt durften jedoch nicht ihre Daumen benutzen. Das Video wurde gestartet und am Ende entstand ein sehr diverses Bild: einige waren komplett fertig geworden, andere hatten es nicht über die erste Faltung hinaus geschafft und der Rest hatte irgendwo dazwischen den Faden verloren. So simpel die Methode war, so eindrucksvoll war dieses selbsterlebte Beispiel Teil einer äußert heterogenen Lerngruppe zu sein. Im Folgenden wurde darüber diskutiert, wie man nun mit dieser Situation umgehen könnte, so dass weder die schnellen noch die langsameren Lernenden vernachlässigt werden. Im Flipped Classroom hätten die Schüler und Schülerinnen zum Beispiel die Möglichkeit gehabt das Video anzuhalten und ggf. zu wiederholen.

 

4 T‘s

Im weiteren Verlauf gingen Bergmann und Sams näher auf die vier T’s zur erfolgreichen Einführung des Flipped Classrooms ein, die sie bereits in ihrer Keynote am Vortrag kurz erwähnt hatten. Im Folgenden werden die 4 T’s kurz vorgestellt.

  1. Flip the thinking: die Schulleitung sowie die Lehrerinnen und Lehrer müssen von der Methode überzeugt sein. Aber auch eine andere Gruppe darf nicht vergessen werden: die Schülerinnen und Schüler. Um auch diese ins Boot zu holen bedarf es vor allem eines: Zeit. Laut Bergmann und Sams bedarf es etwa 3 Jahre bis es zu einem kulturellen Lernwandel kommt. Als weiteren Unterstützer sollte man zudem von Anfang an die Eltern mit ins Boot holen.
  2. Training: Lehrer/-innen, Schüler/-innen und Eltern sollten darüber informiert werden, wie das Flipped Classroom Konzept (oder Abwandlungen) funktioniert. Die Schüler/-innen sollten darüber hinaus auch gezeigt bekommen, wie sie mit Videos lernen können. Bergmann und Sams haben dazu am Anfang des Jahres ein paar Schultage geblockt und dies gezielt mit ihren Schüler/-innen geübt.
  3. Time: Zeit ist überall knapp. Die vorhandenen Zeitressourcen kann man am effektivsten nutzen, wenn sich Lehrerinnen und Lehrer in Teams zusammen tun. Den Schulleitern muss vermittelt werden, dass die LuL insbesondere in der Anfangszeit zeitliche Freiräume benötigen, um zusammenarbeiten zu können.
  4. Technology: Die Lehrerinnen und Lehrer sollten sich mit dem „IT-Experten“ zusammensetzen und 1-2 Tools heraussuchen, die zur Schule und den Anforderungen passt. „The best tool is the one you are using.“
    In diesem Zusammenhang stellten Bergmann und Sams drei ihrer am häufigsten genutzten Tools vor:

    • Das naheliegende nutzen: Mit dem Smartphone oder Tablet Videos aufzeichnen
    • Explain everything
    • Screencast-o-matic

 

13 Tipps zur Erstellung eines Videos

Gerade zu Beginn sucht man nach Orientierungspunkten für die Erstellung eines Videos. Einige hilfreiche Tipps gaben Bergmann und Sams zum Abschluss ihres Workshops:

  1. Halte es kurz
  2. Nutze verschiedene Betonungen
  3. Arbeite mit einem/einer Partner/in
  4. Sei humorvoll
  5. Auf den Ton kommt es an
  6. Verschwende nicht die Zeit deiner SuS
  7. Weniger Text und mehr Bilder
  8. Stelle Annotierungen zur Verfügung
  9. Binde Videoclips ein
  10. Nutze das PIP (Picture in Picture = Bild im Bild)
  11. Nutze Callouts und Zooms um auf etwas näher einzugehen
  12. Setze Quizzes ein
  13. Nutze copyrightfreie Materialien und stelle es anderen zur Nutzung zur Verfügung

One Response to “2. Teil des Islandberichts”

  1. Bernd Hammerschmidt Antworten 4. Juni 2015 at 16:45

    Danke! Eine sehr hilfreiche Yusammenfassung.

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