Lernprozessgestaltung

Beitrag von Christian Spannagel

Das „klassische Modell“ des Flipped Classroom legt ein prinzipielles methodisches Vorgehen nahe, das eine gewisse didaktische Struktur implizit beinhaltet: Zunächst bereiten sich die Schüler_innen zu Hause auf den Unterricht vor, und zwar, in dem sie beispielsweise ein Video anschauen und Verständnisfragen dazu beantworten. Anschließend werden die Inhalte, die in der Vorbereitung erarbeitet wurden, im Unterricht geübt und vertieft. Die didaktische Grundstruktur dabei lautet: Zuerst wird etwas erklärt, dann wird geübt. Dieses Grundmodell greift allerdings für zahlreiche Unterrichtsthemen zu kurz und grenzt letztlich auch die methodische Vielfalt erheblich ein.

In zahlreichen Fällen ist es sinnvoll, dass sich die Schüler_innen einen Gegenstand zunächst selbstständig explorativ erschließen, dabei eigenen Entdeckungen machen und diese mit den Mitschüler_innen teilen und besprechen. Im Themenbereich Parallelogramme beispielsweise könnten Schüler_innen unterschiedliche Vierecke (Parallelogramme und Nicht-Parallelogramme) vorgelegt bekommen mit dem Auftrag, diese sinnvoll zu sortieren. Anschließend kann man besprechen, nach welchen Kriterien sie diese Vierecke sortiert haben, um Eigenschaften von Parallelogrammen herauszuarbeiten. Oftmals geschieht dies im Unterrichtsgespräch mit magnetischen Vierecken an der Tafel. Würde man jetzt hier stattdessen unreflektiert das Flipped-Classroom-Modell „überstülpen“, dann könnte das Vorgehen so aussehen: Schüler_innen bekommen zu Hause in einem Erklärvideo die Eigenschaften von Parallelogrammen erläutert. Im Unterricht wird dies dann anschließend geübt. Leider würde man in diesem Fall verhindern, dass Schüler_innen die ur-mathematische Tätigkeit des Strukturierens durchführen, weil sie alles schön ausgearbeitet vorgesetzt bekommen und nicht mehr selbstständig aus Unordnung Ordnung herstellen müssten. Mit mathematischen Worten gesprochen: Während man Schüler_innen in einem unreflektiert durchgeführten Flipped Classroom die Definition in einem Erklärvideo „vorsetzt“, müssen sie bei einem eher explorativen Einstieg selbst definieren. Letzteres ist wertvoller, weil sie dadurch lernen, wie man sauber Begriffe entwickelt.

Ein kurzer Exkurs in die Hochschule: Mathevorlesungen sind reine Erklärveranstaltungen. In meinen ersten Versuchen, Flipped Classroom in meinen Vorlesungen umzusetzen, habe ich meine Vorträge einfach aufgezeichnet und online in einem Wiki zur Verfügung gestellt. Das heißt, ich habe die ganzen Erklärteile nach Hause ausgelagert (Umgedrehte Mathematikvorlesung). Nichtsdestotrotz hatte meine Vorlesung damit die Grundstruktur „erklären – üben“. Das war methodisch vielleicht besser als die ursprüngliche Lehrveranstaltung, aber aus mathematikdidaktischer Perspektive immer noch ziemlich schlecht. Mittlerweile gehen wir im Mathe-MOOC einen anderen Weg: Zahlreiche Aufgaben zur Vorbereitung enthalten nun statt Erklärvideos Impulsvideos, die in gewisse mathematikhaltige Situationen und Problemstellungen einführen. Studierende sollen dann in einer Art aufgabenbasierten Vorbereitungsphase zunächst einmal selbstständig Entdeckungen machen, die dann anschließend in der Präsenzveranstaltung gemeinsam zusammengetragen und systematisiert werden.

Im Schulunterricht finden solche gemeinsamen Erarbeitungen oftmals zu Beginn einer Stunde im Unterrichtsgespräch statt. Die Lehrperson bringt beispielsweise Materialen mit und führt in eine Fragestellung ein. Gemeinsam mit den Schüler_innen wird eine Lösung entwickelt, und zwar ausgehend von den Gedanken, welche die Schüler_innen in die Diskussion einbringen. Es wäre sicher nicht sinnvoll, würde man all diese wertvollen Einstiegsdiskussionen durch vorbereitendes Durcharbeiten von Erklärvideos zu Hause ersetzen.

In bestimmten Fällen mag es aber sinnvoll sein, eine Videoaufgabe zur Vorbereitung zu geben, entweder in Form eines Erklärvideos oder eines Impulsvideos. Eine Idee, die im Projekt entstand, bezog sich beispielsweise auf Gitarrenunterricht: Wenn die Schüler_innen zu Hause bereits die Gitarrengriffe anhand von Videos erlernen und einüben können (ganz alleine, ohne dass jemand zuschaut), dann können sie vorbereitet in den Unterricht kommen, und die Lehrperson kann mit ihnen am Feinschliff arbeiten, oder man musiziert dann gemeinsam.

In anderen Fällen kann es sinnvoll sein, das Erklärvideo nicht zu Beginn, sondern am Ende eines Lernprozesses einzusetzen. Wenn Schüler_innen beispielsweise Übungsaufgaben im Mathematikunterricht bearbeitet haben, dann können sie sich anschließend zu Hause in Videos anschauen, wie andere (z.B. die Lehrperson) die Aufgaben gelöst haben und diese Beispiellösung mit ihrem eigenen Lösungsweg vergleichen. Videos haben dabei gegenüber schriftlichen Musterlösungen den Vorteil, dass die Lösung sukzessive entwickelt wird und jemand erklären kann, was er dabei denkt und welche Strategien er verfolgt (Lernen am Modell).

In unserem Projekt gehen wir zwar vom klassischen Flipped-Classroom Modell aus, führen dies aber weiter durch eine Öffnung der Fragestellung, die oben genannte Überlegungen aufgreift: An welchen Stellen in einem Lernprozess sind Videos (oder andere digitale Medien) geeignet? Dabei können digitale Lernmaterialien zu Beginn, in der Mitte oder am Ende eines Lernprozesses „passen“. Man muss sich also zunächst über den Lernprozess Gedanken machen, diesen in Teilprozesse zerlegen und überlegen, in welchem der Teilprozesse beispielsweise ein Video geeignet ist. Dies entspricht einem Vorgehen, dass Oser und Kollegen die Choreographie des Unterrichts nennen. Man muss sich dabei zunächst über die kognitive Tiefenstruktur eines Lernprozesses klar werden: Welche kognitiven Prozesse müssen idealerweise nacheinander durchlaufen werden? Anschließend kann man sich über die Oberflächenstruktur Gedanken machen: Welche Methoden, welche Aufgaben und welche Medien sind geeignet, um einen Teilprozess anzuregen und zu unterstützen?

In diesem Sinne haben wir ein Pattern erzeugt, dass die Planung und Gestaltung von Lernprozessen erleichtern soll. Dieses Pattern hat eine gewisse Ähnlichkeit mit Strukturskizzen, die üblicherweise zur Unterrichtsplanung eingesetzt werden. Es gibt aber ein paar zentrale Unterschiede: Im Mittelpunkt steht nicht die Unterrichtsstunde, sondern der individuelle Lernprozess, der für notwendig oder adäquat erachtet wird, um ein bestimmtes Lernziel zu erreichen. Dieser Prozess kann sich über Unterrichtsstunden und Hausaufgaben verteilen, er bezieht sich also nicht notwendigerweise auf eine einzelne Stunde. Außerdem können in einer bestimmten Unterrichtssequenz mehrere solcher Prozesse eine Rolle spielen, auch im Sinne von innerer Differenzierung: Während einige Schüler_innen Prozess A noch nicht abgeschlossen haben, sind andere vielleicht schon mit Prozess B befasst.

Das Pattern unterstützt die Lehrperson dabei, nicht zunächst von der Methode auszugehen („Wir machen Flipped Classroom“), sondern vom Lernprozess. Zunächst wird das Lernziel formuliert und in eine Sequenz von Teilzielen aufgedröselt. Anschließend kann man sich darüber Gedanken machen, welche Lernaktivitäten zu diesem Teilziel passen, ob man diese Lernaktivitäten besser alleine, zu zweit oder in der Gruppe durchführt, und ob sie besser zu Hause oder im Unterricht vollzogen werden. (Die Wahl „Gruppe“ würde vermutlich dazu führen, dass dies besser im Unterricht gemacht wird, die Wahl „alleine“ ist ein Indiz für zu Hause, aber nicht notwendigerweise). Dann kann man sich Gedanken über die Methoden- und Medienwahl machen. Und dabei fällt die Entscheidung, ob und an welcher Stelle zum Beispiel Erklär- oder Impulsvideos geeignet sind.

In dem Pattern sind vier Teilprozesse angelegt. Die Zahl 4 hat aber keinerlei Bedeutung. Lernprozesse können natürlich auch aus weniger oder mehr Teilprozessen bestehen. Das Pattern ist zunächst auch ein erster Entwurf. Wir werden es im Rahmen unseres Berliner Projekts und darüber hinaus erproben und weiterentwickeln. Wir würden uns auch über Rückmeldung von euch freuen: Vielleicht mögt ihr das Pattern einsetzen und erproben? Ist das so sinnvoll? Was sollte man ändern?

[Update] Zu diesen Überlegungen gibt es jetzt auch eine kleine Aufzeichnung aus dem „Flip your class!“-Workshop am 13. Juni 2016 in Berlin:

Außerdem gibt es die beiden Beispiele als PDF-Dateien zum Download:

10 Responses to “Lernprozessgestaltung”

  1. …mich würde mal ein exemplarisch ausgefülltes Pattern interessieren, wäre es möglich ein solches zu bekommen?

Trackbacks/Pingbacks

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