Was tun mit unvorbereiteten Schüler*innen?

Beitrag von Christian Spannagel
Ein wesentliches Element der Methode Flipped Classroom ist die Vorbereitung: Schüler*innen bereiten sich mit Aufgaben und Materialien (oftmals Videos) auf eine Stunde vor. Im Unterricht wird dies dann vorausgesetzt und darauf aufgebaut (beispielsweise durch Übungs- und Anwendungsaufgaben). Wenn eine Schülerin oder ein Schüler sind nicht vorbereitet hat, dann fehlen ihr bzw. ihm die Grundlagen. Häufig werden gegenüber der Methode Flipped Classroom auch generell die Bedenken geäußert, „dass sich Schüler*innen ja vermutlich nicht vorbereiten und dadurch die ganze Methode ad absurdum geführt wird“.
Wir haben vor einiger Zeit mehrere Lehrer*innen aus der Flipped-Classroom-Szene befragt, wie sie mit unvorbereiteten Schüler*innen umgehen. Hier sind die Antworten:
Alexandra Kück lässt die Schüler*innen zu Beginn der Unterrichtsstunde Fragen stellen. Sie merkt dabei schnell, wer sich nicht vorbereitet hat: Die- bzw. derjenige hat keine Notizen dabei oder stellt nur sehr oberflächliche Fragen wie beispielsweise „Ich hab das alles nicht verstanden!?“. Diese Schüler*innen müssen dann in der Stunde nochmal ran: Sie müssen die Aufgabe im Unterricht nachholen. Wenn sie damit fertig sind, dann lässt sich Alexandra die Notizen zeigen, um zu überprüfen, was die Schüler*innen verstanden haben und was nicht. Anschließend dürfen sie sich mit den Aufgaben befassen, mit deren Bearbeitung ihre Mitschüler*innen inzwischen schon längst begonnen haben. Sie merken dann, dass sie „hinterherhinken“, und dass ihnen Zeit im Unterricht fehlt. Das ist ein unangenehmes Gefühl, führt aber dazu, dass sie die Notwendigkeit der Vorbereitung realisieren. „Ich habe festgestellt, dass es bei den meisten Schülern mehr bringt auf Eigenverantwortung zu setzen als auf Bestrafung – für z.B. nicht gemachte Hausaufgaben“, schreibt Alexandra, „es dauert aber länger, bis sie begriffen haben, dass sie sich selbst schaden.“ Das Vorgehen ist vor allem dann gelungen, wenn die Schüler*innen merken, dass sie mit der Vorbereitung effektiver sind. Alexandra merkt aber noch an, dass sie am liebsten mit Skripten und Materialien arbeitet, mit denen sich die Schüler*innen im eigenen Tempo im Unterricht befassen können. Wer gut und schnell arbeitet, hat gar keine Hausaufgaben. Wer allerdings im Zeitplan hinterher hinkt, muss zu Hause etwas tun – dann wieder in Eigenverantwortung.
Felix Fähnrich und Carsten Thein gehen ähnlich wie Alexandra vor: Sie schicken unvorbereitete Schüler*innen in den Computerraum mit dem Auftrag, zu Beginn der Stunde die Hausaufgabe nachzuholen und das Video durchzuarbeiten. Anschließend werden die Schüler*innen einzeln zu den Inhalten abgefragt – eine ziemlich unangenehme Situation (unangenehmer als im Plenum aufgerufen zu werden). Darüber hinaus erfahren die Schüler*innen, dass sie das Wesentliche der Stunde verpassen, nämlich die Übungs- und Vertiefungsphase. Dadurch werden sie zur Selbstreflexion angeregt: sie lernen zu verstehen, dass die vorbereitende Hausaufgabe essenziell für das Verständnis ist.
Sebastian Schmidt hingegen lässt die Schüler*innen die Videos nicht zu Beginn der Stunde wiederholen. Sie müssen eine Mitschülerin oder einen Mitschüler finden, die bzw. der bereit ist, Ihnen alles zu erklären. Alternativ dürfen sie auch mit einem Buch das Verpasste nachholen, oder sie arbeiten sich irgendwie so durch die Aufgaben. Richtig unangenehm wird es dann, wenn Schüler*innen ihre Hausaufgaben dreimal vergessen haben: Dann müssen sie nachmittags in die Schule kommen, sich dort die Videos am Stück ansehen und ins Heft übertragen. Wenn all das nicht hilft, werden die Eltern ins Boot geholt. Bereits auf dem Elternabend hat Sebastian ihnen das Vorgehen erklärt, und wenn diese dann auf die mangelnde Vorbereitung ihres Sprößlings aufmerksam gemacht werden, ändert sich in der Regel auch etwas.
Wenn Sebastian Stoll die Methode einführt, lässt er es nach seiner einführenden „Flipgewöhnung“ erst einmal „darauf ankommen“, damit sich die Schüler*innen an den „finalen“ Flipped Classroom gewöhnen können. Er betont dabei im Unterricht immer wieder, wie wichtig die Vorbereitung ist, weil sie sonst „Schiffbruch“ erleiden werden. Wenn dann die Leistungsbereitschaft nicht flächendeckend vorhanden ist, schreibt er (angekündigte und unangekündigte) Tests, die benotet werden. Darin sind dann oftmals Aufgaben enthalten, die identisch in der Vorbereitung vorkamen. Wer sich gut vorbereitet hat, wird belohnt. Sebastian involviert ebenso die Eltern: Er lässt die Tests von ihnen unterschreiben. Dabei ist immer der Verweis beigefügt, welche Aufgaben aus den Videos stammen. Wenn eine Schülerin oder ein Schüler durch ständige fehlende Vorbereitung auffällt, dann wird auch ein Gespräch mit den Eltern gesucht.
Es wird deutlich: Es gibt ganz unterschiedliche Strategien, mit unvorbereiteren Schüler*innen umzugehen. Jede Lehrerin und jeder Lehrer muss die für sich geeignete Methode finden. Wichtig ist aber in allen Fällen: Die Lehrperson darf zu Beginn der Stunde nicht selbst die Inhalte der Vorbereitung zusammenfassen, denn dann merken die Schüler*innen, dass die Vorbereitung gar nicht notwendig ist.
Habt ihr noch weitere Strategien oder Ideen? Her damit! 🙂

8 Responses to “Was tun mit unvorbereiteten Schüler*innen?”

  1. Wenn Du von Schülern sprichst, dann meinst Du unter 16jährige? Richtig interessant wird es, wenn Du FC bei z.B. 35-40jährigen machst und sie unvorbereitet kommen. Ich lasse sie zu Beginn auch Fragen stellen, aber da kommt nichts („ich stelle doch keine Fragen im Plenum, sonst merken die anderen ja, dass ich etwas nicht verstanden habe!“).
    Da ich „gestandene“ Menschen nicht in den Computerraum schicken kann, um das Versäumte nachzuholen (wäre auch nicht nötig, weil jeder ja eigene Informatikmittel hat), verteile ich dann die Präsenzaufgaben und prüfe so, wer wo welche Lücken hat. Beim Lösen der Aufgaben kann ich dann auf die speziellen Needs eingehen.

  2. Beatrice Winkler Antworten 15. Juni 2016 at 7:48

    Lieber Christian, vielen Dank für das Zusammenstellen der möglichen Vorgehensweise. Meine Frage ist folgende: gibt es Erfahrungen aus der Erwachsenenbildung? Konkret, wenn Menschen für eine Fortbildung im FC-Format bezahlen, dann aber unvorbereitet zum Präsenztermin kommen.
    Am ehesten würde ich in einem solchen Setting mit der Methode arbeiten, denjenigen zu Beginn Zeit zur „Nacharbeit“ zu geben. Aber vielleicht hat da ja schon jemand etwas ausprobiert?
    VG Beatrice

  3. Simone Dinse de Salas Antworten 21. Juni 2016 at 12:43

    Hallo Beatrice,
    ich habe dasselbe Problem. Ich denke ein Grund dafür ist, dass es in Fortbildungen noch nicht Usus ist Hausaufgaben zu bekommen. Ich versuche zu Beginn der Fortbildung Transparenz herzustellen, wie viel Zeitaufwand dahinter steckt (Präsenztermine und Selbststudium). Im Fortbildungsnachweis gibt es bei mir auch eine Rubrik wie viele Stunden Selbststudium investiert wurden.
    Ich würde zu Beginn der Fortbildung die Vorteile für das Format des Flipped Classroom aufzeigen (Individualisierung, eigene Zeiteinteilung, bessere Einpassung in den Berufsalltag).
    Schließt die Fortbildung mit einer Prüfung ab?
    Dann wäre es einfach, dann müssen zu den Videos begleitende Lernaufgaben, die dem Transfer in die Berufsalltag bringen, als Zulassungsvoraussetzung für die Prüfung erbracht sein.
    VG! Simone

  4. Beatrice Winkler Antworten 11. Juli 2016 at 4:42

    Hallo Simone, vielen Dank für Deine Tipps. Unsere Fortbildung wird im kulturellen Bereich angesiedelt sein und keine Prüfung beinhalten. Letzteres wäre wäre einfacher zu lösen. Die Menschen kommen also tatsächlich freiwillig . Wir haben die Gruppe ( die zuvor schon andere Kurse belegt hat) auf ein Experiment vorbereitet und sie haben zugestimmt. Der FC-Anteil wird auch nicht alle Termine betreffen, wir fangen „klein“ an.
    Wir sind dennoch sehr gespannt, wie es angenommen wird.

  5. Ich unterrichte an der Uni. Zu Beginn jeder Stunde mache ich ein Quiz mit Kahoot – die Studierenden lieben das. Die Quizfragen standen auch schon auf dem Arbeitsblatt. So müsste es sich lohnen, die Videos anzusehen und dabei das Arbeitsblatt durchzugehen.
    Demnächst kann ich aus einer Umfrage erfahren, ob den Leuten das tatsächlich eine Motivation war.

  6. Meine Schüler sind mindestens volljährig, deshalb überlasse ich es (zumindest teilweise) ihrer Eigenverantwortung, ob sie die Videos anschauen oder nicht. Da meine Schüler zudem in der Regel eine abgeschlossenene Berufsausbildung mitbringen und sie deshalb in manchen Bereichen solides Vorwissen besitzen, können sie sehr wohl einschätzen, ob sie das jeweilige Video anschauen sollen oder nicht.

  7. Hallo in die Runde. Ein Kollege von mir sucht jemanden mit Erfahrung beim Einsatz von IC in der Erwachsenenbildung für einen Vortrag vor Erwachsenenbildnern. Meldet Euch bitte, wenn Ihr grundsätzlich Interesse habt.

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  1. Was tun mit unvorbereiteten Schüler*innen? | dunkelmunkel - 14. Juni 2016

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