Gastbeitrag: Flip den Fremdsprachenunterricht

Mit Flipped Classroom einen kommunikativen und differenzierenden Fremdsprachenunterricht ermöglichen

Ein Gastbeitrag von Mareike Glöckner (gloecknermareike@gmail.com)

Für den Fremdsprachenunterricht (FSU) bietet das Konzept des Flipped Classroom einen neuen und interessanten Ansatz für die Spracharbeit und viele Möglichkeiten zur Steigerung der kommunikativen Fertigkeiten. Dadurch, dass das Sprechen über neue Inhalte in den Vordergrund tritt und gleichzeitig die Spracherwerbsphase auf die individuellen Bedürfnisse der SchülerInnen angepasst werden kann, kann Differenzierung durch verschiedene Materialen, Methoden und Sozialformen gezielt umgesetzt werden.

2014 habe ich angefangen das Konzept in meinen Unterricht zu implementieren, zunächst im Spanischunterricht und dann auch im Englischunterricht. Wie es dazu kam und welche Schritte ich seit 2014 gegangen bin, möchte ich im Folgenden kurz darstellen.

Die ersten Schritte

Im Januar 2014 wurde in einer Fachkonferenz für Spanisch diskutiert wie wir Spanischlehrer an meiner Schule mit der Herausforderung umgehen, die vorgesehene schnelle Progression der Grammatikarbeit für Spanisch als neueinsetzende Fremdsprache in Einklang zu bringen mit einer Schülerschaft, die immer heterogener wurde. Die Tatsache, dass mindestens die Hälfte der SchülerInnen bereits nach dem ersten Halbjahr nicht mehr mitkam, beunruhigte uns. Ich hatte mich zuvor bereits ein wenig mit dem Konzept des Flipped Classroom auseinander gesetzt, da ich ein Thema für eine Hausarbeit im Rahmen meines berufsbegleitenden Masterstudiengangs suchte. Ich nutzte die Gelegenheit und verknüpfte das eine mit dem anderem, so dass im Februar 2014 das Projekt „Flipped Classroom“ in der 11. Klasse mit 3 Spanischkursen gestartet wurde.

Die (quasi)experimentelle Evaluation fand über fünf Wochen statt. Dabei wurde meinem Spanischkurs der 11. Klasse, die Experimentalgruppe, drei neue Grammatikphänomene nach dem klassischem Flipped Classroom Konzept vermittelt. Der Ablauf war wie folgt:

Flipped Classroom KonzeptAbb. 1 (Eigene Darstellung) Erstes Konzept Flipped Classroom 2014

 

Zum Vergleich wurden die zwei Parallelkurse traditionell unterrichtet und die Grammatikeinführung fand angeleitet durch den Lehrer entweder deduktiv oder induktiv statt.

Nach jeder Einführung wurde der neue Inhalt in Form eines kurzen Tests abgefragt und am Ende der fünf Wochen eine produktionsorientierte Aufgabe, die mitunter die drei neuen Phänomene beinhaltete. Darüber hinaus füllte die Experimentalgruppe einen Fragebogen aus, in dem sie ihre Erfahrung mit dem neuen Konzept evaluieren sollten.

Die Auswertung ergab, dass es keine signifikanten Unterschiede bezüglich des Lernerfolges zwischen der Experimental- und Kontrollgruppen gab. In anderen Worten: die Schüler zeigten keinen höheren Lernerfolg durch den Flipped Classroom. ABER auch keinen schlechteren! Darüber hinaus ergab der Fragebogen eine deutliche Steigerung der Motivation bei über 50% der Schüler im Kurs. Die Frage war nun, ob ich trotzdem daran anknüpfen sollte. Ich entschloss mich weiterzumachen, da ich zwar nicht mein erhofftes Ziel einer Steigerung des Lernerfolgs erreicht hatte, ich aber nach 5 Wochen geschafft hatte, was mir in den Wochen zuvor nicht gelungen war, nämlich auch diejenigen Schüler zu motivieren, die bereits deutliche Schwächen zeigten und sich langsam gedanklich vom Spanischunterricht verabschiedeten.

 

Es wurde also weitergeflippt.

Gemeinsam mit den Schülern reflektierte ich den ersten Versuch. Dabei kam heraus, dass viele die selbstständige Arbeit mit den Lernvideos überforderte was Unsicherheit hervorrief. Darüber hinaus bemängelten einige die Verbreitung der Videos über die Lernplattform Moodle, mit der sie Schwierigkeiten hatten und die Tatsache, dass es nur Lernvideos gab und keine analogen Materialien. Daraus ergaben sich dann folgende Änderungen für mich bzw. dem Kurs:

  • eine effektivere und gemeinsame bzw. begleitende Einführung in die Arbeit mit Lernvideos, d.h. wir haben die vorzubereitenden Lernvideos auf Anfrage noch einmal zusammen im Unterricht angeschaut und gemeinsam überlegt, wie man das Schauen und Bearbeiten des Arbeitsblattes bzw. der begleitenden Aufgabe kombinieren und erfüllen kann
  • sowohl analoge als auch digitale Materialien in der Inputphase zur Wahl zu stellen, so dass sich SchülerInnen je nach Neigung, Lerntyp und Interesse die Materialien zur Wissensaneignung selber aussuchen konnten
  • einfacherer Zugang zu den digitalen Materialien, d.h. ich habe auf den Arbeitsblättern einen QR-Code und den Link integriert, der die SchülerInnen direkt zur Quelle, meistens mein Youtube-Kanal oder die entsprechende Webseite, führte

Dennoch ließ mich der Aspekt der Leistungssteigerung nicht los und ich suchte eine andere Herangehensweise, so dass ich mir zusätzlich folgende Ziele setzte:

  • eine Variation der begleitenden Aufgaben in der Inputphase, z.B. durch Multiple Choice Tests, Lückentexte, geschlossene/halb-offene / offene Fragen, Formulierung eigener Fragen und/oder Erstellung eigener Notizen und Grammatikübersichten
  • Differenzierung in der Erarbeitungsphase, z.B. durch verschiedene Übungsblätter in unterschiedlichen Niveaustufen

Mit der Zeit habe ich den Einsatz des Konzepts im Spanischunterricht ausgeweitet und bin von der reinen Grammatikvermittlung hin zu inhaltlichen Themen. Auch hier probiere ich verschiedene Materialien aus, wie z.B. Lieder, Podcasts, Lehrbuchtexte, Bilder, Trailer und/oder Videos auf Deutsch und Spanisch.

Das Projekt ging noch einen Schritt weiter, so dass auf Anfrage der Schüler eigene Lernvideos produziert wurden im Rahmen eines Projektes am Ende des Schuljahres. Diese wurden dann nach den Ferien als Wiederholung genutzt und im Sinne der Methode „Lernen durch Lehren“ eingesetzt.

Aufgrund der positiven Erfahrung aus dem Spanischunterricht, begann ich 2015/2016 das Konzept ebenfalls in meinen Englischunterricht zu übertragen. Hierbei lag der Fokus auf die Auseinandersetzung mit abiturrelevanten Themen, so dass ich das Konzept vor allem im Hinblick anschließende Formen des Kooperativen Lernens einsetze und ausprobierte. So eigneten sich die SchülerInnen neue thematische Inhalte an, zum Beispiel die Geschichte der Sklaverei in den USA, und erarbeiteten diese im Unterricht in Form eines Gruppenpuzzle, der Methode des Partnerlesens oder des Think-Pair-Share. Darüber hinaus bereiteten die SchülerInnen ebenfalls Diskussionen oder Debatten vor, indem sie sich zu Hause verschiedene Standpunkte zu einer Sachlage eigenständig aneigneten und diese im Unterricht diskutierten. Ebenso konzipierte ich ein Stationenlernen zum Thema „European Crisis“ nach dem Flipped Classroom Konzept. Es hat sich herausgestellt, dass das Konzept besonders zur Steigerung der Mündlichkeit beiträgt, da die Wissenskonstruktion im Unterricht in der Fremdsprache stattfindet und durch sprachliche Hilfsmittel zur Vertiefung des Wortschatzes beisteuert.

 

Zwischenfazit

Nach zweieinhalb Jahren des Flippens meines Fremdsprachenunterrichts zeigte sich

  • bei den SchülerInnen:
    • eine erhöhte Partizipation im Unterricht
    • Offenheit für eigenständige und selbstverantwortete Lernprozesse
    • höhere Reflexion über Lernprozesse
    • erhöhte Medienkompetenz
    • Vertrautheit mit kooperativen Arbeitsstrukturen
    • Erhöhung des Sprechanteils
  • bei der Lehrkraft:
    • ein Rollenwechsel hin zum Lernbegleiter
    • erweiterte Medienkompetenz
    • kontinuierliche Auseinandersetzung mit didaktischen Modellen und Ideen
    • Mut, neue Materialien auszuprobieren und in neue Lernkontexte einzusetzen
    • erweiterter Austausch mit anderen Lehrkräften und Didaktikern in der Flipped Classroom Community

 

Ausblick

Ich befinde mich gerade in einer Phase des Übergangs vom Einsatz des Flipped Classroom als Konzept hin zum Flipped Learning als konzeptioneller Lernprozess, welches viele Lehrkräfte beschreiben, die schon länger flippen. Das bedeutet für mich eine Verstärkung des selbstorganisierten Lernens in Kombination mit einer verstärkten kompetenzorientierten und differenzierenden  fremdsprachlichen Ausrichtung.

Dies war bereits und wird weiterhin nicht einfach umzusetzen sein aufgrund der starren Bedingungen unseres Schulsystems aber auch einiger Kollegen sowie SchülerInnen. Gerade bei SchülerInnen habe ich auch die Erfahrung gemacht, dass sich besonders lernstarke SchülerInnen im vorherrschenden System wohlfühlen, da sie auf einfache Weise gute Noten erhalten ohne viel eigenständig arbeiten zu müssen. Hier muss ein Umdenken vermittelt werden und stattfinden, welches die Notwendigkeit eigenständigen und selbstverantworteten Lernens mit digitalen als auch analogen Materialien aufzeigt, um auf das zukünftige (Arbeits)leben vorzubereiten. Im Hinblick auf die Kollegen muss man mit viel Geduld auf Akzeptanz und Verständnis setzen, so dass derartige neuere Konzepte im ersten Schritt anerkannt werden und dann eventuell weitere Anhänger findet, so dass Unterrichts- und Schulentwicklung effektiv und kontinuierlich in den Schulen gelebt werden kann und zum langersehnten Wandel in der Schullandschaft führt.

 

3 Responses to “Gastbeitrag: Flip den Fremdsprachenunterricht”

  1. Hi!
    Als Englischlehrer der auch ein bisschen flipped, finde ich das super! Mich würde noch interessieren, nach welchem Schema du deine grammar-Videos aufbaust? Ziegesar? Oder deduktives erklären?

    Danke und herzliche Grüße
    Adrian

    • Lieber Adrian,

      vielen lieben Dank für deine positive Rückmeldung. Das freut mich sehr.

      Zu deiner Frage: bisher sind meine eigenen Grammatik-Videos und die externen, die ich verwende eher deduktiv aufgebaut. D.h. das Grammatikphänomen, welches erklärt werden soll, wird direkt als solches präsentiert und in einen ersten Kontext gestellt. Daraufhin folgt dann die Form-und Regelbildung. Anschließend folgen wenige Formbildungsübungen mit direkten Lösungen.

      Ich bin aber in der Tat momentan dabei, diese Herangehensweise zu erweitern bzw. induktiv zu gestalten. Ein Aufbau nach Ziegsár wäre dabei auch sehr interessant und könnte ich mir auch sehr gut vorstellen!! Vielen Dank für die Ideengebung!!!

      Wenn du selber auch flippst, können wir auch gerne mal in Austausch treten. Schau mal auf meinen Weblog: http://www.modernlanguageteaching.com dort findest du dann auch meine Kontaktdaten.

      Viele Grüße

      Mareike

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  1. Warum ich mit „Flipped Classroom“ im DaF-Unterricht Bauchschmerzen habe – landeskunde - 16. Juni 2017

    […] So findet man im Projektblog (Flip Your Class!) (Christian Spannagel) einen lesenswerten Text („Flip den Fremdsprachenunterricht“) einer Fremdsprachenlehrerin, die in der Art der Aktionsforschung über einen längeren Zeitraum […]

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